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Der
luftgeborene Klang
Notizen anläßlich der Beendigung des Orgelbaues für die katholische
Pfarrkirche St. Peter und Paul in Neustadt a. Rbge.
© G.C. Lobback, 1997
Die bekannte Redensart, daß in einem architektonischen Entwurf "Musik"
steckt, gehört zum Berufsjargon vieler Architekten und mancher Orgelbauer.
Hinter dieser rasch dahergesagten Bemerkung steht eine im abendländischen
Denken tief verankerte Überzeugung von der inneren Verwandschaft der
beiden Künste Musik und Architektur. Der Vergleich der Architektur mit
der Musik leuchtet insofern unmittelbar ein, als sich auch die Architektur
in ihrer plastisch-räumlichen Ausdehnung auf die Wahrnehmung und Erfahrung
im Nacheinander, in der Zeit vollzieht. Daher kommt das Erlebnis der
Baukunst dem der Musik nahe, die ausschließlich als organisierter Zeitverlauf
existiert.
Die idealen neugotischen Kathedralen, die als religiöse oder patriotische
Denkmäler ersonnen wurden und in den tatsächlich ausgeführten oder restaurierten
Domen und Pfarrkirchen ein Abbild fanden, waren nicht nur als musikerfüllte
Gehäuse gedacht, sondern als Kunstformen, in denen Musik, die Kunst
im "allgemeinsten Sinn" den "Hauptbestandteil" ausmachen sollte (Karl
Friedrich Schinkel). Bezeichnenderweise dachte sich Schinkel das Nationalmonument
des Berliner Freiheitsdomes geschmückt mit Seraphinen, die heilige Musikinstrumente
spielten, während der Turm mit der Apotheose der Cäcilia, der für himmlische
Musik zuständigen Heiligen, verziert werden sollte.
So ließen auch die romantischen Schriftsteller ihre Helden Architektur
und Musik in eins empfinden: "Der Gesang zog wie mit Wogen durch die
Kirche, die ernsten Töne der Orgel schwollen majestätisch herauf und
sprachen wie ein Sturmwind auf die Hörer herab" (Ludwig Tiek). Die berühmteste
solcher Formulierungen ist das Wort von der "Architektur als erstarrter
Musik", das Friedrich Wilhelm Schelling in seinen Vorlesungen über die
"Philosophie der Kunst" prägte.
Der Sache nach hat es eine in die Antike bis zur pythagoräisch-platonischen
Harmonielehre zurück reichende Tradition. Hier möchte ich nun den Gedanken
der harmonischen Weltordnung einführen. Harmonische Weltordnung - der
Ordo-Begriff. Dieser wird immer mit dem Begriff Schönheit verbunden.
Schönheit und Ordnung sind in die Welt gelegt und gewähren der Welt
Gleichgewichtssicherheit. Es sind harmonikale Gesetze, die diesen Ordo-Gedanken
als eine unentbehrliche Verfassung der Welt ausmachen. Diese musica
perennis, diese ewige Musik, die in die Welt gelegt ist, bestimmt die
Wesensverfassung der Welt.
Schönheit und Ordnung beruhen auf der Verschiedenartigkeit der Dinge.
Gäbe es ausschließlich gleichgeartete und gleichgestaltete Substanzen,
wäre alles öde Eintönigkeit. So aber gefiel es dem Schöpfer, mit der
Verschiedenartigkeit, wie Kardinal Nikolaus von Kues sagt, zugleich
eine solche Ordnungsmöglichkeit zu schaffen, auf daß die Ordnung, welche
die absolute Schönheit ist, in allen Dingen widerstrahle.
So ist es nicht verwunderlich, daß die Proportion ein zentraler Begriff
in der Harmonik ist. Die Tätigkeit des messenden Verstandes besteht
darin, diese proportio mittels Messen zu finden. In jeder Proportion
wird eine solche alteritas, eine Andersheit ausgesagt. Aber zugleich
wird in jeder proportio eine übereinstimmung, eine convenientia, vorausgesetzt.
Dieses messende Abwägen ist nicht möglich ohne die Zahl, die bei Nikolaus
von Kues eine besondere Wertschätzung erfährt. Und so heißt es in seiner
Schrift" De docta ignorantia: Pythagoras, der erkannte, daß jede Wissenschaft
nur durch Unterscheidung zustande kommen kann, hat über alles mittels
der Zahl philosophiert. Weil Platon dieser Methode folgte, wird er zu
Recht für groß erachtet."
Die dem Verstand zugängliche Eigentlichkeit der Musik (Werner Schulze)
besteht in den Zahlenverhältnissen. Dem Menschen ist diese proportionative
Fähigkeit angeboren, die den Zahlengrundlagen der Musik adäquat ist.
Bemerkenswert ist sicherlich, daß Nikolaus von Kues nicht der Zahl (numerus)
als dem einzelnen Ton ein besonderes Gewicht zumißt, sondern immer der
Proportion, dem Intervall.
Drei harmonikale Proportionen prägen das Klangbild der neuen Orgel von
St. Peter und Paul: 1 : 2 (Oktave), 2 : 3 (Quinte) und 4 : 5 (Terz).
Wer die Disposition (Zusammenstellung der Register) etwas genauer betrachtet,
wird schnell feststellen, daß die 1 : 2 Proportion mit ihren Oberoktaven
1/4, 1/8 und 1/16 dominiert. Es ist der bei weitem überwiegende Zusammenklang
der Orgel mit der ausgeprägtesten Konsonanz. Die Quinte 2 : 3 finden
wir im Hauptwerk in der Quinte 2 2/3' und im Schwellwerk im Register
Nasat 2 2/3' realisiert. Mit ihren Oktaven 1 1/3', 2/3', 1/3' und 1/6',
die nur in den gemischten Stimmen vorkommen, ist sie nach der Proportion
1 : 2 die in der Dispostion am häufigsten anzutreffende Proportion.
Lediglich ein Register im Schwellwerk, die Terz 1 3/5' hat die Proportion
4 : 5.
Der Begriff harmonikal schließt die Vorstellung ein, daß dieses Wort
ausschließlich auf die Harmonik der Musik bezogen ist. Es verhält sich
aber genau umgekehrt. Die Harmonik der Musik wurde gebildet nach den
Strukturgesetzen des Makro- und Mikrokosmos. "Die harmonikale Form,
welche die Natur gestaltet, gestaltet auch unser Denken und Empfinden;
die Denknormen, welche unsere Bewußtseins- und Empfindungsvorgänge gestalten,
gestalten auch die Natur (Hans Kayser).
Dieser harmonikale Weltaspekt übt auf die Menschen seit jeher eine besondere
Faszination aus. Es ist bekannt, daß Johannes Kepler, noch bevor er
die Harmonik in seinem Forschungsbereich, der Astronomie, nachzuweisen
versuchte, sich mit der musikalischen Harmonik befaßt hat. Kepler verdanken
wir wesentliche Erkenntnisse über unser Sonnensystem. Die drei Keplerschen
Gesetze beweisen, daß die Planetenbahnen und Planetenabstände harmonikale
Verhältnisse haben. In seinem Werk treten mehr und mehr Notenbeispiele
auf; die Melodie der Planeten, ihre Grundtöne werden notiert, und schließlich
mündet diese kosmische Tonanalyse in einem ungeheuren Schöpfungsakkord
aus, den das Planetensystem, allen Ohren unhörbar, unfaßbar, gleich
einer Riesenorgel spielt (Hans Kayser).
Der Zentralkörper, die Sonne und die neun Planeten, die um die Sonne
kreisen, haben alle ihren eigenen Grundton. Der Grundton der Sonne ist
das Cis. Das Cis hat aber nur 0,000 000 031 688 782 Hz und klingt so
tief, daß Menschen den Ton nicht hören können. Es gibt aber das Oktavgesetz;
jedesmal, wenn die Schwingung verdoppelt wird, erscheint sie eine Oktave
höher und mit dem Ursprungston im Einklang. Nach zahlreichen Oktavierungen
hat man z.B. Cis (551 Hz) erreicht.
Dieser Sonnenton mit fünf weiteren Teiltönen (Quinte, Quarte, Terz,
Septime und Oktave) ist als selbständiges "Register" mit der Bezeichnung
"Sonnenton" in der neuen Orgel von St. Peter und Paul real vorhanden.
über einen Piston im Spieltisch der Orgel kann das Register in Funktion
treten. Wenn der Sonnenton erklingt, sollten wir uns hörend erinnern
an die Musikanschauung des Nikolaus von Kues, deren theologischer Aspekt
den wesentlichsten Gesichtspunkt ausmacht:
- Gott entläßt
aus sich die Natur, seine Schöpfung.
- Kunst imitiert
Natur; der Natur entströmt gleichsam die Kunst, weil die Kunst eine
imitatio naturae darstellt.
- Die Kunst verursacht
die Freude des Menschen, ihre causa finalis ist die delectatio, die
Freude.
- Und diese Freude
des Menschen wird nun Gott wiederum zurückgegeben.
Ich wünsche der ganzen Gemeinde, die durch tatkräftiges Eintreten
den Bau dieser Orgel erst ermöglicht hat, daß sie mit dem Instrument
die Schönheit der luftgeborenen Hörbilder ihres Naturklangs in ungetrübter
Freude für eine lange Zeit erleben kann.
Bild
der Orgel
Disposition
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