Eine Orgel für das 21. Jahrhundertvon Christian Lobback Nach Abschluß der Bauarbeiten an der neuen Orgel von St. Andreas ist ein Rückblick auf die Zeit der Vorüberlegungen und Entscheidungen, die zu dem jetzt realisierten Orgelwerk geführt haben, für den interessierten Leser sicherlich aufschlußreich. Die ebenerdige Aufstellung der Orgel, vor der südöstlichen Querhauswand, ist eine Standortlösung ohne gleichwertige Alternative; im Hinblick auf die große Bedeutung für die klanglich-musikalische Wirkung und Integration in den gotischen Raum der Kirche war diese Entscheidung die Voraussetzung für das nunmehr erreichte Ergebnis. Dafür bin ich den Gremien der Gemeinde sehr dankbar, die diese Entscheidung zu treffen hatten, was ja auch den Abriß der vor der südlichen Querhauswand befindlichen Empore erforderlich machte. Gewonnen hat mit dieser Baumaßnahme nicht nur die Orgellösung, sondern auch das südliche Querhausfenster von JOHANNES SCHREITER und damit auch der eindrucksvolle Kirchenraum mit seiner großen kathedralischen Akustik. Schreiters berühmte Entwürfe zur Gesamtverglasung der Heidelberger Heiliggeistkirche kannte ich bereits; daß dieser weltweit bekannte zeitgenössische Glasbildner auch für die Pfarrkirche St. Andreas tätig wurde, überraschte mich bei der ersten Besichtigung schon; und so ist auch der Orgelentwurf von Schreiters Südfenster beeinflußt worden. Bei den Verglasungen geht es Schreiter weniger um das Glas als Material, als vielmehr um die Lenkung von Licht ("Auf der Suche nach dem Licht der Welt", der Wahrheit), welches als Ausstrahlung (Emanation) des Göttlichen verstanden wird (1). Entgegen meiner Entwurfspraxis habe ich die frontseitige Prospektgestaltung nicht drei- sondern zweidimensional angelegt, um eine möglichst große Reflexionsebene für das durch Schreiters Südfenster NIE WIEDER KRIEG gelenkte Licht zu erreichen. So ist meines Erachtens ein guter Zusammenklang von Orgelarchitektur und Schreiters Glasfenster entstanden. Bedeutsamer für den Orgelentwurf war aber die gotische Kirche mit ihrer langen und wechselvollen Vergangenheit, die wahrscheinlich bis in das 12. Jahrhundert zurück reicht, dem Zeitpunkt also, wo in Frankreich der übergang von der Romanik zur Gotik beginnt. Das gotische Kreuzgewölbe beruht ja auf dem Prinzip, seitlichen Druck in senkrechten Druck umzuwandeln. Die Symphonie der Spannungen, unter denen die Steine stehen, hebt das lastende Gewicht des Gewölbes auf, so daß es unter dem seitlich andringenden Druck der Streben eher nach oben als nach unten ausbräche. Alles befindet sich also in fortwährender Spannung, welche durch die Kunst des Baumeisters "gestimmt" werden kann, nicht anders als man eine Harfensaite stimmt. Daß der gotische Raum ein Musikinstrument sei, ist nicht nur ein schöner Vergleich, er ist es tatsächlich (2). Und so ist es eigentlich gar nicht verwunderlich, daß das gotische Bausystem auf harmonischen Beziehungen (harmonikalen Proportionen) beruht, die LOUIS CHARPENTIER zutreffend als "GEOMETRISCHE TONLEITER" bezeichnet hat. Man kann in gotischen Kirchen viele Intervall-Proportionen antreffen. Der Grundriß des südlichen Querhauses, wo sich die Orgel befindet, entspricht z.B. ziemlich exakt dem Quintverhältnis 3 : 2 und im polygonalen Chorschluß von St. Andreas findet sich die Proportion 5 : 8. Viele weitere Zahlenverhältnisse könnte man aufzählen (3).
Die Schallbretter, oberhalb der zwölf Prospektfelder der Orgel (neun in der Frontgestaltung und drei im Seitenprospekt), sind durch ein ornamentales Programm gestaltet worden, das die harmonischen Formgesetze der gotischen Kirche widerspiegelt. Ich suchte in Variationen strenger geometrischer Strukturen meiner Idee einer universellen Harmonie Form zu geben. Diese Formgesetze haben eine ganzheitliche Funktion. Wir finden sie in der Cheopspyramide von Giseh genauso wie in den Atomen oder Molekülen, in der Orgel von St. Andreas genauso wie beim "Human Space" (1995) von JEAN-PIERRE RAYNAUD, im Museum Ludwig, Köln. DüRERS Kanon des menschlichen Körpers (1528) schließlich, zeigt ebenfalls die singuläre Bedeutung dieser harmonikalen Proportionen auf. 29 klingende Register bilden die Disposition der Orgel. Jedem der drei Teilwerke der Orgel (I., II. Manual und Pedal) sind Register mit einer genau fixierten Tonhöhe zugeordnet: im Hauptwerk (I. Manual) sind es folgende Tonhöhen: 16', 8', 4', 2 2/3', 2', 1 3/5', 1 1/3', 1', 2/3', 1/2', 1/3' im Schwellwerk (II. Manual): 8', 4', 2 2/3', 2', 1 3/5', 1 1/3', 1', 2/3' und schließlich im Pedalwerk: 16', 8', 4' . Wer diese drei Zahlenreihen vergleicht wird feststellen, daß im Pedal ausschließlich die Grundstimmen vertreten sind und die Obertöne fehlen. Diesem scheinbaren "Mangel" wird durch eine Koppel II - P 4' und ein Schlaginstrument, dem Perkutanten (4) nachdrücklich entgegengewirkt. Neben der Tonhöhen-Zusammensetzung ist der Energieanteil (Tonstärke) des einzelnen Registers wichtig. Das Tongewicht eines jeden Registers in der Disposition der St. Andreas-Orgel wurde bestimmt mit Hilfe eines harmonikalen Proportionssystems, den Teiltonkoordinaten (5). Diese Arbeiten sind umfangreich und müssen die Raumakustik und den Standort der Orgel in die überlegungen einbeziehen. Die Tongewichtung wird sodann mit Hilfe der Pfeifenmensuren, des Winddrucks, des Windenergieverbrauchs (6), der Schleifenwindladen, des Orgelgehäuses und natürlich durch die Klanggestaltung in der Kirche selbst, festgelegt. Nach der am 9. Oktober 2001 erfolgten übergabe kann das Ergebnis dieser Bemühungen nunmehr gehört und gesehen werden. Die Orgel verfügt über alle nötigen Eigenschaften für das liturgische Orgelspiel; sie ist zu allen Begleitaufgaben vom solistischen Gesang bis hin zum Gemeindegesang bei vollbesetzter Kirche durch ihre dynamische Spannweite geeignet. Der musikalische Wert des Instruments besteht darin, daß polyphone Musik, aufgrund der (fast) lückenlosen Klangpyramide, darstellbar ist und auch die Orgelmusik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Liszt, Brahms) ist auf dieser Orgel spielbar, wobei die Registerzahl natürliche Grenzen setzt. Sicherlich lassen sich auch viele Werke aus der Zeit vor 1700 und nach 1930 befriedigend interpretieren. Der Pfarrgemeinde, den Gremien der Gemeinde und den aktiv Mitwirkenden möchte ich für das große Engagement und die gute Zusammenarbeit sehr herzlich danken. Zu danken habe ich auch meinen Mitarbeitern, die die anspruchsvollen Arbeiten mit der gewohnten Professionalität ausgeführt haben. Ein besonderer Dank gilt dem Kirchenmusiker Hans-Gerd Beyer, der durch seine Mitwirkung wesentlich zu dem nunmehr erreichten Ergebnis beigetragen hat. Die neue Orgel ist ein Instrument, das nicht nach den Regeln der Tagesmode gebaut worden ist. "Wir bedürfen immer wieder des Neuen. Das Gegenteil des Neuen ist keineswegs das Alte oder Bewährte, sondern das Allzu-Gewohnte oder Ab-Gebrauchte. Das Neue ist nicht modisch. Es gibt keine Methode, das Neue zu entdecken, will aber eine Dimension: das offene Ohr, der freie Blick." (DIETER SCHNEBEL, deutscher Komponist).
|
||||||||||||||||
| |
||||||||||||||||