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Die
Orgel der Evangelischen Kirche Haan bei Düsseldorf
© Hans Enzweiler
"Unter den Menschen gibt es mehr Kopien als Originale." Dieses Zitat
von Pablo Picasso könnte man auch so formulieren: Unter den Orgelbauern
gibt es mehr Kopisten als Avantgardisten. Zu dem weltweit kleinen Kreis
phantasievoller Konstrukteure und Orgelarchitekten, denen außerdem subtile
Tonempfindung und ausgeprägter Klangsinn eigen ist, gehört der norddeutsche
Orgelbaumeister Christian Lobback. Er baute die dreimanualige, vollmechanische
16-Fuß-Orgel 1987 für die Evangelische Kirche in Haan. Das Instrument
gilt inzwischen unter den Fachleuten als eines der besten im nördlichen
Rheinland.
Lobback in Hamburg geboren, wollte ursprünglich Geiger werden. Seine
Lehrer waren u.a. Max Grünwald und Georg Gerwien vom Klaerschen Konservatorium
in Blankenese. Die Auseinandersetzung mit Problemen der Tonbildung auf
der Geige verschafften ihm Einsichten, die er später beim Bau seiner
Orgeln umsetzen konnte.
Die 1964 gegründete Werkstatt in Neuendeich, inmitten der Elbmarsch,
nordwestlich von Hamburg gelegen, entwickelte sich zwischenzeitlich
zu einer auf hohem Niveau stehenden handwerklich wie künstlerisch orientierten
Unternehmung. Die ausgeprägte Individualität und der Nonkonformismus
seiner Orgeln zählt zu den typischen Merkmalen. Das gilt nicht nur für
das äußere Erscheinungsbild und die Klangeigenschaften, sondern ebenso
für die Konstruktion. Lobbacks Leitgedanke, die Orgel solle stets eine
Reflexion der Zeit sein, in der sie entsteht, führte früh zu einer Loslösung
von erborgten und kopierten Stilmitteln.
So sprengt die Haaner Orgel in mehrfacher Hinsicht den Rahmen des schon
Gewohnten und unterscheidet sich von der großen Zahl neuer Instrumente,
die zunehmend die Orgellandschaften prägen.
Das Gehäuse mit seinen spitzprofilierten fünf Vertikalfeldern erhebt
sich wie ein Monolith mächtig vor der Emporenrückwand und beherrscht
in vornehmer Größe den Kirchenraum. Die großen Freiflächen über den
16- und 8-Fuß Pfeifenfeldern nutzte Lobback zur Applikation von phantasievoll
entworfenen Schallbrettern. Die Motive wirken wie gewaltig vergrößerte
Molekularstrukturen unter dem Elektronenmikroskop, lösen die strengen
vertikalen Parallellienien des Rahmen- und Pfeifen-werks auf und verleihen
dem Instrument den Eindruck von schwereloser Eleganz.
Die Anhänger der modischen Meinung, ein Orgelgehäuse müsse sich an historischen
Vorbildern orientieren, werden angesichts der Lobbackschen Lösung möglicherweise
erstarren, da diese vom allgemein akzeptierten Geschmackskanon deutlich
abweicht.
Das Traditionskonzept dieser Kopisten ist schließlich nichts anderes
als das simple Begehren, die Zukunft aufzuschieben, obgleich es eine
Form des ästhetischen und kulturellen Epigonentums ist, das für seine
Basismaterialien und seine Existenz von der Spenderkultur abhängig bleibt.
Die Disposition mit ihren 44 Registern verfügt über die Zutaten, die
den Musiker befähigen, sowohl eine überzeugende Interpretation der Werke
Joh.Seb. Bach's als auch der von Max Reger zu realisieren. Und weil
sie über diese beiden Elemente verfügt, kann durch das Zusammenfügen,
die Vernetzung dieser zwei unterschiedlichen Klangpotentiale ein drittes
Potential erschlossen werden, das die Orgel des 17. und 19. Jahrhunderts
naturgemäß nicht realisieren konnte.
Somit zeigt sich, daß die Orgel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
über Ressourcen verfügt, die nicht nur Stilpluralismus ermöglicht, sondern
darüber hinaus ganz neue, bisher unbekannte Klangebenen erschließen
kann. Auf einem solchen Instrument läßt sich trefflich musizieren, auch
deshalb, weil die ästhetische Kompetenz seines Erbauers inspirierend
wirkt.
Bild
der Orgel
Disposition
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